• Therapiebeispiel (fiktiv):

 

Frau A. ist 47 Jahre alt,  Erzieherin, verheiratet sei 25 Jahren, zwei Kinder im Alter von 24 und 21 Jahren. Frau A. kommt zu mir in die Behandlung da sie „einen Burnout“ habe, seit drei Monaten krankgeschrieben sei, die Neurologin hat ihr Psychotherapie empfohlen.

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Ihr Leben lang war Frau A. für andere da. Zunächst war sie als Älteste von vier Geschwistern für die Geschwister und überforderte Mutter da, hat geholfen und dafür Anerkennung bekommen. Sie war als Erzieherin für die ihr anvertrauten Kinder da, für ihre eigenen Kinder und für ihren Mann, dann auch noch für ihre älter werdenden Eltern da. Auch für Freunde und Nachbarn, Arbeitskolleginnen und Bekannte hatte sie immer ein offenes Ohr. Frau A. ist sehr beliebt. Doch sie selbst hat sich mit ihren Bedürfnissen nie ernstgenommen. Eine Umstrukturierung an ihrem Arbeitsplatz und der Auszug ihrer Kinder aus dem Elternhaus werfen sie aus der Bahn. Sie entwickelt eine Depression, mit der sie all das oben beschriebene nicht mehr kann, wodurch sie sich nun auch noch wertlos und allein fühlt.

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Wenn Frau  A. nun etwas ändert, sozusagen egoistischer wird, droht sie die Anerkennung ihrer Außenwelt zu verlieren und ein Stück ihres Identitätserleben, die Sicht ihrer selbst („Ich bin eine hilfsbereite Frau, die immer für andere da ist und selbst nicht viel braucht.“)

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Ein Persönlichkeitsanteil von ihr möchte vielleicht endlich auch mal mehr für sich. Ein anderer Persönlichkeitsanteil möchte unbedingt an dem, was so lange Jahre erfolgreich war, festhalten, da es doch sinnvoll war und sie stabilisiert hat.

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Die Lösung für diesen Konflikt kann sie nur in sich selbst finden. Und das ist manchmal ein  leichter, schneller Prozess/Weg, manchmal ein zäher, holpriger Weg. Das ist individuell sehr unterschiedlich und von vielen Faktoren mit abhängig:

- kann Frau A. Vertrauen in die Therapeutin und in die Therapie aufbauen?

- kann Frau A. mögliche Irritationen in der Therapie ansprechen?

- wie motiviert ist Frau A.?

- wie umstellungsfähig ist auch ihre Umwelt?

- kann oder möchte sie nach innen schauen und das z.T. Widersprüchliche in ihrem Inneren anschauen?

- gibt es vielleicht auch einen Krankheitsgewinn (damit ist gemeint, dass ich etwas davon habe, wenn ich krank bin, z.B. muss ich nicht arbeiten gehen, darf Hilfe einfordern, kann mein altes Selbstbild aufrechterhalten...)

- ist überhaupt ein Leidensdruck da?

- wie chronifiziert ist die Problematik?

 

Frau A. wird also ihren eigenen Weg der Gesundung gehen. Der sieht vielleicht so aus: Sie wird zunächst lernen, sich selbst so wie sie ist, besser zu verstehen. Damit verbunden ist dann eine höhere Selbstakzeptanz, was ihren Selbstwert stabilisiert. Sie wird sich mit ihrem schlechten Gewissen auseinandersetzten, welches ihr anfangs erheblich zusetzt, wenn sie mehr an sich denkt, an ihre Bedürfnisse. Sie wendet sich mehr ihrem Inneren zu, um ihre Bedürfnisse überhaupt erstmal wirklich wahrzunehmen. Dafür lernt sie, sich Auszeiten zu nehmen. Sie lernt vielleicht eine Entspannungsmethode oder Selbsthypnosetechniken. Vielleicht sucht sie auch eine Selbsthilfegruppe auf. Sie fängt evtl. an, wieder Sport zu treiben, wie in ihrer Jugend und spürt, dass ihr Sport auch für ihr psychisches Befinden enorm hilft. Sie lernt wahrscheinlich vor allem Nein zu sagen und zu riskieren, dass ihre Umwelt irritiert ist und die alte Frau A. zurückhaben möchte.

                        

Meine Rolle in diesem Prozess sehe ich so: Ich kann Frau A. anregen, über bestimmte Dinge nachzudenken, kann ihr Angebote zur Selbsterkundung machen, kann mit ihr zusammen verstehen lernen, Konflikte herausarbeiten, kann ihr helfen alles zu sortieren, zu klären, kann sie auf ihrem Weg begleiten, auch mit ihr Zweifel und Rückschläge aushalten, bis sie selbst sicherer ist.